Erkrankungen des Urogenitaltraktes

Mikronährstofftherapie

Traditioneller Einsatz von Phytotherapeutika bei Beschwerden der Harnorgane
Die traditionelle Phytotherapie setzt pflanzliche Extrakte zur gezielten Behandlung und Prophylaxe bestimmter Harnwegsbeschwerden ein. Durch die geschickte Kombination verschiedener Extrakte und deren sekundären Pflanzeninhaltstoffen, die sich unter anderem in ihren antimikrobiellen, antioxidativen, antiphlogistischen und aquaretischen Eigenschaften ergänzen, ergibt sich ein Vielstoffgemisch mit multiplen, komplexen Wirkmechanismen, welches medikamentöse, therapeutische Lücken schließt. Das plurivalente Wirkspektrum macht Phytotherapeutika zum unentbehrlichen Baustein moderner Therapie- und Prophylaxekonzepte bei Beschwerden der Harnorgane (1).
 
Proanthocyanidine aus Cranberry behindern die bakterielle Adhäsion
Cranberries sind außerordentlich reich an phenolischen Verbindungen, darunter die Phenolsäure Ellagsäure, die roten Pflanzenfarbstoffe Proanthocyanidine und das Flavanol Quercetin. Neben starken antioxidativen Effekten, die sich auf alle zellulären Abläufe positiv auswirken, sind besonders die antibakteriellen Eigenschaften von Interesse. In in vitro Studien wurde belegt, dass die Proanthocyanidine das Andocken von Bakterien am Zielgewebe hemmen und dadurch die Voraussetzung für eine spätere Infektion bereits im Anfangsstadium unterbinden (2). Verantwortlich für diese Wirkung sind spezielle bioaktive Proanthocyanidine (A-Typ-PAC), die die Ausbildung der Andockstellen der Bakterien (p-Fimbrien) ans Zielgewebe hemmen und letztlich für die charakteristischen, antibakteriellen Eigenschaften der Cranberries verantwortlich sind (2) (3). Das antiadhäsive Wirkprinzip bei bakteriellen Infekten führt vor allem bei Harnwegsinfekten zu einem neuen Therapieansatz. Mittlerweile liegt eine ausreichende Zahl klinischer Studien an Patienten mit rezidivierenden Harnwegsinfekten vor, die einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Cranberry-Aufnahme und dem reduzierten Auftreten von Harnwegsinfektionen belegen. Das Cochrane Institut bewertet nach einer systematischen Auswertung dieser Studien den präventiven Nutzen von Cranberrysaft-Konsum bei Frauen mit Harnwegsinfektionen als ausreichend belegt. Die Ergebnisse gelten sowohl für die tägliche Aufnahme von Saft als auch von Cranberry-Trockenkonzentrat (4). Eine kanadische Studie mit 150 sexuell aktiven Frauen im Alter von 21 – 72 Jahren belegt sowohl bei Cranberry-Saft, als auch bei Trockenkonzentrat, eine signifikante Reduktion der Harnwegsinfekte um circa 20 % gegenüber Placebo (5).
 
Erhöhte Miktionsmengen schützen das Nieren-Harnleiter-Blasen-System
Harntreibende Pflanzensubstanzen, so genannte Diuretika, helfen, die Ausscheidung über das Nieren-Harnleiter-Blasen-System zu verstärken. Gleichzeitig wirken die bioaktiven Inhaltsstoffe dieser Pflanzen gegen Bakterien, die für die Entzündungen verantwortlich sind. Große Urinmengen senken die Osmolarität von aggressiven Harnsubstanzen und schützen das Urothel vor Defekten, welche zu erhöhter Bakterien-Adhärenz mit Infekten und zur Depolarisation des Detrosors mit Drangbeschwerden und Blasenschmerzen führen (1). Werden Nieren, Harnwege und Blase zu wenig durchspült, finden Bakterien ideale Bedingungen vor, um sich anzusiedeln und zu vermehren. Auch die Bildung von Gries und Steinen wird dadurch gefördert.
 
Hormonelle und harnsteigernde Effekte der Brennnessel
In der mitteleuropäischen Volksmedizin wird Brennnessel-Extrakt traditionell als wassertreibendes Mittel und bei Gelenksleiden verwendet. Für das Kraut und die Samen sind diuretische Effekte mittels Studien belegt, während Extrakte aus der Wurzel zur Linderung von Miktionsbeschwerden in den Anfangsstadien der benignen Prostatahyperplasie (BPH) eingesetzt werden (6). Bei verschiedenen BPH-Modellen konnten harnflusssteigernde, wachstumshemmende, antiinflammatorische sowie immunmodulatorische Effekte nachgewiesen werden. Die Wirkungen und Wirkstoffe hinsichtlich der prostatotropen Effekte sind noch nicht vollständig geklärt. Als Wirkmechanismen werden die verringerte Bindungskapazität der Sexualhormon-bindenden Globuline (SHBG) für Testosteron und Dihydrotestosteron an den Prostatamembranrezeptoren angesehen. Zudem werden durch die Hemmung der 5-α-Reduktase Dihydrotestosteron (DHT) und sein Metabolit Androstendion vermindert gebildet. Diese sind wesentliche hormonelle Faktoren bei der Entstehung einer Prostatahyperplasie. Eine anabole Stärkung der Blasenmuskulatur wird zudem durch Hemmung der Aromatase vermutet, die die Umwandlung von Testosteron in 17-β-Östradiol katalysiert (7).
 
Kürbiskern-Extrakt bei Blasenschwäche und BPH
Kürbiskern-Extrakt (Curcubitae semen) wird bei Reizblase, Blasenschwäche und BPH eingesetzt. Es kann Harndrang, Harninkontinenz bei Husten und Anstrengung  sowie die Miktionshäufigkeit bei Tag und Nacht signifikant verbessern (8). Die enthaltenen Phytosterole wie ß-Sitosterol, Curcubitin und verschiedene Bioflavonoide wirken stabilisierend auf den Prostata-Stoffwechsel. Über den antiprostatischen Wirkmechanismus ist man sich noch nicht im Klaren, sicher ist, dass die Sitosterine antiphlogistische und antiödematöse Effekte besitzen. Insgesamt kann die Symptomatik einer beginnenden benignen Prostatahyperplasie durch diese Pflanzenextrakte verbessert werden (9).
 
Rosmarin-Extrakt: Effektiv gegen pathogene Organismen
Für Rosmarin sind gute antifungale und antimikrobielle Effekte gegen eine Vielzahl von Mikroorganismen dokumentiert (10). Rosmarin ist zudem gegen  antibiotikaresistente Formen von Mycobacterium smegmatis, Escherichia coli und Candida albicans wirkungsvoll (11)

Referenzen

Referenzen

1 Eberhard, J. 2007. Phytotherapie bei Harnwegsinfektion und urogynäkologischen Beschwerden. Phytotherapie. 1.
2 Nowack, R. 2006. Cranberry als Phyto-Prophylaktikum bei bakteriellen Infektionen. Zeitschrift für Phytotherapie. 27:163-171.
3 Bruyere, F. 2006. Use of cranberry infection in chronic urinary tract infections. Med Mal Infect. 36(7):358-63.
4 Jepson, R. G., Mihaljevic, L., Craig, J. 2004. Cranberries for preventing urinary tract infections. Cochrane Database Syst Rev. CD001321.
5 Stothers, L. 2002. A randomized trial to evaluate effectiveness and cost effectiveness of naturopathic cranberry products as prophylaxis against urinary infection in women. Can J Urol. 9(3):1558 –62.
6 Yarnell, E. 2002. Botanical medicines for the urinary tract. World J Urol. 20:285-293.
7 Kompek, A. 2007. Bei Beschwerden der Blase und Prostata Brennesselwurzel, Goldrutenkraut und Birkenblatt. Phyto Therapie. 2(07).
8 Wagner, H., Wiesenauer, M. Phytotherapie: Phytopharmaka und pflanzliche Homöopathika, 2. Auflage. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 2003.
9 Cabin, B. E., Larsson, B., Lindahl, O. 1990. Treatment of benign prostatic hyperplasia with phytosterols. Br J Urol. 66(6):639-41.
10 Luqman, S. et al. 2007. Potential of rosemary oil to be used in drugresistant infections. Altern Ther Health Med. 13(5):54-9.
11 Fu, Y. et al. 2007. Antimicrobial activity of clove and rosemary essential oils alone and in combination. Phytother Res. 21(10):989-94.

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